Auf Entdeckertour in Portugal mit David Schwarzwälder

Portugal ist eines der ältesten und außergewöhnlichsten Weinbauländer der Welt. Natürlich liegt es für uns – im wahrsten Sinne – nahe, von Spanien aus mehr als nur einen Blick über die Grenze zu werfen.

Veröffentlicht am 22. September 2020

Das Land im äußersten Südwesten Europas bietet für den Weinbau perfekte Bedingungen. Mit rund 500 autochthonen Rebsorten, die nur in Portugal vorkommen, ist die Vielfalt besonders hoch. Im Norden und an der Atlantikküste findet man vor allem frische Weißweine wie beispielsweise den bekannten Vinho Verde. Der Douro ist Rotweingebiet, vor allem für den berühmten Portwein. In den letzten Jahren aber sind immer mehr Regionen in den Fokus gerückt: Der Alentejo mit internationalen Sorten, Bairrada und Dão mit eleganten Rotweinen und Estremadura bei Lissabon mit modernen Weißweinen. Eine große Besonderheit sind zudem Weine der Azoren und aus Madeira, wo ebenfalls seit Jahrhunderten Wein erzeugt wird. Gemeinsam mit David Schwarzwälder – einem der profiliertesten Experten für Weine aus Spanien und Portugal – begeben wir uns hier auf eine einzigartige Entdeckungstour von Vinho Verde bis zur Algarve. 

VINOS:
Was fasziniert dich besonders an den portugiesischen Weinen?

David Schwarzwälder: Der erste Punkt wäre für mich die große Vielfalt, die dieses Land bietet: Man kann erfrischende Weißweine, aber gleichzeitig auch reife und elegante Rotweine bekommen. In Portugal werden viele unterschiedliche Weintypen kreiert, die es sonst nirgendwo auf der Welt gibt. Außerdem fasziniert mich die Eigenständigkeit Portugals als Weinland, welche sich besonders in den außergewöhnlichen Charakteristiken der Weine zeigt.


VINOS:
Erinnerst du dich an den ersten portugiesischen Wein, den du je getrunken hast?

David Schwarzwälder: Als ich noch klein war, gab es bei uns zu Hause im Sommer oft klassische Charentais-Melonen, diese runden, kleinen Melonen aus Frankreich. Meine Mutter hatte diese ausgehöhlt und Portwein reingegeben. Das ist sozusagen meine erste Erinnerung! Ich habe später in Salamanca (Spanien) studiert, was nur eine Stunde von der portugiesischen Grenze entfernt ist. Mit meinen Freunden bin ich oft mit dem Auto über das Wochenende nach Portugal gefahren, da der Wein und das Essen viel günstiger waren als in Spanien. Ich war während der ganzen Studienzeit bestimmt hundertmal dort und habe so das Land und die Kultur hautnah erleben können: Ich habe vieles probiert und ziemlich schnell jede Menge über portugiesische Weine und deren Besonderheiten gelernt.


VINOS: Wie spiegelt sich die Mentalität der Portugiesen in der Art, Weine zu machen, wider?

David Schwarzwälder: Ich würde sagen, der Portugiese selbst ist etwas zurückhaltender, höflicher und vielleicht etwas weniger offen ist. Diese Eigenschaften spiegeln sich auch in den Weinen wider: Sie sind sehr präzise, diszipliniert und zurückhaltend. Auch der Standort Portugals ist prägend für die Mentalität und die Weine: Das Land liegt direkt am Atlantik und die Bewohner haben früh lernen müssen mit den vorherrschenden und schnell wechselnden Wetterverhältnissen zu leben. Dies hat bis heute großen Einfluss auf den Weinbau und führte zu stark vom Terroir geprägten Weinen.


VINOS: Unsere Kunden sind sehr begeistert von Vinho Verde aus dem Norden Portugals. Wie erklärst du dir diese Begeisterung?

David Schwarzwälder: Seit einigen Jahren haben wir auch in Deutschland sehr heiße Sommer – fast ähnlich wie auf der Iberischen Halbinsel. Dadurch werden vermehrt Weine getrunken, die erfrischend sind und weniger Alkohol besitzen. Vinho Verde ist leicht zugänglich, einfach zu trinken und macht enorm Spaß. Der Trend der Zeit ist Leichtigkeit!


VINOS: Welche Gerichte passen besonders gut zu Vinho Verde?

David Schwarzwälder: Aufgrund der direkten Lage zum Meer, passt zu den portugiesischen Weinen alles was mit (geräuchertem) Fisch zu tun hat. Kurioserweise passen auch geschmorte Sachen ziemlich gut dazu. Außerdem kann man auch wunderbar Salate oder eine kalte Aufschnittplatte dazu reichen. Im Prinzip funktioniert genau das Gleiche, was auch zu Champagner oder zu Cava passt.

 

VINOS: Wie kam es dazu, dass es in Portugal besonders viele autochthone Rebsorten gibt?

David Schwarzwälder: Dies ist der isolierten Lage am Westzipfel Europas zu verdanken. Das führte dazu, dass man relativ wenige internationale Strömungen in Portugal hatte. Aber auch die unzureichende Infrastruktur innerhalb des Landes führte zu sehr ländlich geprägten Regionen: Dort ist die Zeit einfach stehen geblieben und es wurden (und werden bis heute) die gleichen Rebsorten angebaut, die seit Jahrhunderten in dem Gebiet wachsen. Die Einstellung vieler portugiesischer Winzer ist bis heute unverändert: Man versucht, so gut wie möglich an seinem Fleck Erde erfolgreich Wein anzubauen - ohne sich von anderen Strömungen oder Trends beeinflussen zu lassen.

VINOS: Eine Frage, die wir oft von unseren Kunden gefragt bekommen: Was können Fans der spanischen Weine von den portugiesischen Weinen erwarten? Was ist anders oder sehr ähnlich?

David Schwarzwälder: Der Anteil an schlankeren Weinen ist in Portugal viel größer als in Spanien, da die Portugiesen stark vom Atlantik geprägt sind und sich dies auch auf die Stilistik der Weine auswirkt. Diese haben weniger Wucht am Gaumen und ein schlankes Mundgefühl: sowohl die Rot-, als auch die Weißweine. Die spanischen Weine sind etwas reifer unterwegs und vor allem werden in Spanien sehr kräftige und fruchtbetonte Weine gekeltert. Diese besondere Stilistik gibt es jedoch auch in Portugal, zum Beispiel in der sehr heißen Region Alentejo, die an Spanien grenzt.

VINOS: Und zu guter Letzt haben wir noch eine Frage an dich: Wenn du dich entscheiden müsstest, ab jetzt nur noch portugiesische oder spanische Weine?

David Schwarzwälder: Das ist eine schwierige Frage und fast unmöglich zu beantworten! Ich denke, ich würde die Entscheidung von meiner Gemütslage abhängig machen: Wenn ich Antrieb und Energie bräuchte, dann würde ich eher zu einem portugiesischen Wein greifen, und wenn ich mich entspannen will, dann würde ich vielleicht eher zu einem weicheren Spanier greifen!

Vielen Dank für das spannende Interview!




David Schwarzwälder ist Journalist, Autor, Dozent und seit Jahrzehnten einer der profiliertesten Experten für Weine aus Spanien und Portugal.