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Weinlese in Spanien

Sie ist für Winzer ohne Zweifel die wichtigste Zeit des Jahres. Die Weinlese. Jetzt kommt es nicht nur auf den perfekten Zeitpunkt an, sondern auch auf koordinierte Abläufe und eine ausgefeilte Logistik, damit die Früchte von monatelanger Arbeit zu Wein werden können. Warum die Weinlese in Spanien so aufwendig ist und was ein Winzer alles beachten muss, dass erfahren Sie hier.

Veröffentlicht am 15. September 2023

Traditionell beginnt die europäische Weinlese in keinem geringeren Land als Spanien. So natürlich auch in diesem Jahr. Und zwar in der DO Montilla-Moriles in Andalusien. Dort haben die Winzer bereits in der dritten Juli-Woche die ersten weißen Trauben wie Sauvignon Blanc oder Chardonnay geerntet. Warum denn so früh? Je nach Rebsorte und Lage sind die Lese-Zeitpunkte in Spanien höchst unterschiedlich.

Genau deswegen kann sich die Ernte nicht nur wochen-, sondern tatsächlich monatelang hinziehen. Denn für jede Rebsorte ist der perfekte Lesezeitpunkt entscheidend. Erntet der Winzer zu früh, kann es sein, dass die Trauben noch nicht voll ausgereift sind. Das Ergebnis ist dann ein saurer Wein mit sehr vielen bitteren und grünen Noten. Findet die Lese zu spät statt, ist der Zuckergehalt zu hoch und die Säure zu niedrig. Diese Weine haben dann zum einen enorm viel Alkohol und schmecken zum anderen sehr marmeladig und nicht ausgewogen. Der Lesezeitpunkt ist für einen ausbalancierten Wein also wesentlich.

Die weißen Trauben wurden bereits im Juli geerntet.

Erntezeitpunkt: Probieren geht über Studieren

Doch wie ermittelt ein Winzer, wann er welchen Weinberg liest? Dafür nutzt er eine Kombination aus mehreren Methoden. Am gängigsten ist die Messung des Zuckergehalts der Trauben mit einem Refraktometer. Dafür träufelt man ein wenig Traubensaft zwischen die beiden Prismen des Messgeräts. Mittels Lichtbrechung wird dann der Zuckergehalt angezeigt, den man in Grad Oechsle bzw. Grad Baumé misst. So kann ein Winzer bei jeder Rebsorte abschätzen, wie weit die Traubenreife ist.

Doch die Winzer verlassen sich nicht nur auf das technische Hilfsmittel. Wie heißt es so schön? Probieren geht über studieren! Genau deswegen werden vor der Lese die Trauben verkostet. Wie schmeckt der Saft? Wie bitter wird der Mund, wenn man auf den Beerenschalen herumkaut? Oder wenn man gar die Kerne zerbeißt? Und eh, die Kerne! Sie zeigen die Reife perfekt an. Sind sie noch grün, sind die Beeren unreif. Haben sie sich komplett braun gefärbt, ist die physiologische Reife voll erreicht. Manchmal bevorzugen es die Winzer aber auch, wenn die Kerne in der Mitte braun und an den Enden noch grün sind. Das ist meist ein verlässliches Zeichen dafür, dass trotz hoher Säure bereits genügend Zucker in den Trauben vorhanden ist. Gerade für Cava oder sehr frische Weißweine wie etwa Albariño aus Galizien ist das sehr gewünscht.

Die Kerne geben Auskunft darüber, wie reif oder unreif die Beeren sind.

Warum der Lesezeitpunkt oft stark variiert

Hört sich doch eigentlich gar nicht so kompliziert an, oder? Ist es tatsächlich aber doch. Denn manchmal entscheidet nur ein einziger Tag über den Reifegrad der Trauben. Schnelligkeit und eine gehörige Portion Flexibilität sind während der Lesezeit deswegen oberstes Gebot. Zum Glück entzerren weitere Faktoren den Ablauf der kompletten Ernte. Weiße Trauben wie Albariño und Verdejo sind aufgrund ihrer dünneren Beerenschale in der Regel früher reif als rote Rebsorten wie Garnacha oder Tempranillo, die beide eine sehr dicke Schale haben.

Hinzu kommen dann natürlich noch die Lagen der unterschiedlichen Weinregionen in Spanien. Im Landesinneren ist es wärmer als an den Küsten. Vor allem in den Ebenen im Landesinneren reifen die Trauben am schnellsten. Deswegen wird in Andalusien und La Mancha in der Regel früher geerntet als in Galizien. Und dann gibt es ja auch noch die Höhenlagen. Je höher ein Weinberg liegt, desto kühler haben es die Trauben. Und dementsprechend langsam reifen sie aus. Aus diesem Grund ist zum Beispiel in der Rioja mit ihren vielfältigen Höhenunterschieden der Lesezeitpunkt von Tempranillo oft sehr unterschiedlich.

Weinlese in Spanien: Nur etwas für Nachtmenschen

Und dann geht’s auch noch um die richtige Uhrzeit während der Ernte. Während in Deutschland die Lesehelfer erst im frühen Morgen im Weinberg zu finden sind, schwärmen sie in Spanien oft mitten in der Nacht aus. Ist es während der Lese nämlich zu warm, kann es sein, dass die Trauben bereits auf dem Weg ins Kelterhaus unkontrolliert anfangen zu gären. Was dann letztlich die Qualität des Weins beeinträchtigen könnte. Zudem gibt es Rebsorten, deren Saft sehr stark mit Sauerstoff reagiert. Kommt zum Beispiel der Most von Verdejo mit Luft in Berührung, dann oxidiert dieser. Und die ganze schöne Frische, die man an Verdejo-Weinen so schätzt, ist hinüber.

Um optimale Qualitäten zu erzeugen, benötigen die spanischen Winzer also viel Know-how und Fingerspitzengefühl. Zudem sind sie großartige Logistiker, die wie ein Dirigent ihre Lesehelfer genau zum richtigen Zeitpunkt in den richtigen Weinberg schicken. Eine Meisterleistung, die enorm viel Energie und Konzentration erfordert. Da mag man ja meinen, dass in den spanischen Weinregionen nichts anderes außer die Traubenlese von Ende Juli bis Anfang Oktober stattfindet. Weit gefehlt!

Weinfeste als Sinnbild spanischer Lebensfreude

Anders als in Deutschland, wo sämtliche Weinfeste vor der Lese über die Bühne gehen und wo man als Tourist während der Ernte ein großer Störfaktor ist, öffnen die Spanier genau zu dieser Zeit ihre Tore und Herzen. Die Weinlese wird von unzähligen Festen im September begleitet. Und auf denen sind Touristen ausdrücklich willkommen. Als Urlauber kann man so also ganz nah dabei sein. Ein Rahmenprogramm mit zahlreichen Wettbewerben und Spielen rundet die Weinfeste ab. Vor allem in der Rioja und in Andalusien wird die Weinlese so mit kunterbunten und lebensfreudigen Events gefeiert. Das ist ein Fest für die Sinne – und für den Gaumen. Wer spanische Weine liebt, sollte sich diese Spektakel auf keinen Fall entgehen lassen!

VINOS bei Bodegas Valdelana zur Weinlese

Die Bodega Valdelana betreibt bereits seit dem 16. Jahrhundert den Weinbau in der Rioja. Mit Juan Jesús Valdelana und seinem Sohn Juan Pedro verbindet VINOS seit vielen Jahren eine enge Freundschaft. So kam es, dass das VINOS-Team während einer größeren Spanienreise zur Weinernte in die Rioja eingeladen wurde und lernen konnte, wie eine traditionelle Lese und die darauffolgende Verarbeitung der Trauben vonstatten gehen würde.

Fleißig wurde hier gestampft und probiert - heute wäre es undenkbar, die gesamte Ernte so zu verarbeiten. Für die VINOS-Mitarbeiter waren es aber wertvolle und vor allem lustige Erfahrungen.

Timo, Miriam und Juan Jesùs sind fleißig dabei, die gelesenen Trauben zu stampfen, um den Saft aus den Beeren zu quetschen.

Gummistiefel sind dabei ein Muss!

Der frisch gepresste Saft wird in ein Glas gefüllt, um direkt die Qualität zu testen.

Ungefilterter, frisch gepresster - oder eher gesagt gestampfter - Traubensaft.